Die Folgen von chronischem Stress

Neben den bekannten direkten Folgen von chronischem Stress gibt es auch indirekte Folgen, die in der Diskussion gar nicht so richtig beachtet werden. Gestresste Menschen neigen zur Unaufmerksamkeit, was mittelbare Folgen nach sich ziehen kann. Sie kennen das, diese Unfälle, über die später leichtfertig gesagt wird: “Warum haben die nicht besser aufgepasst?”.

Für die Studie „Präventionskultur“ der Unfallkasse Hessen hat das Meinungsforschungsinstitut Toluna 1.000 Hessen im Alter zwischen 18 und 65 Jahren online befragt, inwieweit sie unter Dauerstress leiden. Danach gaben 52 der Befragten an, dass sie durch Stress schon einmal in eine gefährliche Situation geraten sind. Dauerstress ist also nicht trivial, sondern kann schlimme mittelbare Folgen nach sich ziehen, die auch für Unternehmen negative betriebswirtschaftliche Folgen nach sich ziehen können, z. B. auf dem Weg zur Arbeit. Noch ein Argument für eine umfassende Gefährdungsanalyse. Denn nur so können Unternehmen deutlich machen, dass Sie (unnötige) Stressquellen im Betrieb systematisch identifizieren und eliminieren. Das ist das Minimum, was ein Unternehmen tun kann (…und auch muss).

Weitere Ergebnisse der o.a. Studie zeigt die Infografik (pdf-Datei).

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EU-OSHA: Vom Umgang mit psychosozialen Risiken

Vielleicht täusche ich mich, aber ich habe den Eindruck, der Hype um die psychischen Belastungen und Beanspruchungen am Arbeitsplatz hat sich etwas gelegt. Die mediale Karawane ist vielleicht weiter gezogen, die Probleme bleiben jedoch bestehen.

Aus diesem Grund hat die European Agency for Safety and Health at Work einen „practical e-Guide to managing psychosocial risks“ veröffentlicht.

Auf interaktive Weise erwerben Sie wichtige Kenntnisse zum Thema, wie

  • einfache Erklärungen der Begriffe von Stress bei der Arbeit und damit verbundenen psychosozialen Risiken
  • mögliche Effekte auf Unternehmen und ihre Mitarbeiter
  • praktische Beispiele, wie man den psychosozialen Risiken begegnet und wie man damit umgeht
  • Verweise auf die nationale Gesetzgebung und
  • Verweise auf weitere Quellen und praktische Werkzeuge

Sie können die Anleitung sowohl online betrachten als auch für die asynchrone Bearbeitung auf dem Rechner herunterladen in nahezu allen Sprachen der Europäischen Union und für alle Plattformen.

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Mitmachen im ZDF: Muss man Stress verbieten?

Momentan sitze ich staunend vor dem Bildschirm und schaue zu, wie momentan medial die Wogen hoch kochen. Auslöser war wohl ein Weckruf der gesetzlichen Krankenkassen zu den steigenden Zahlen psychischer Erkrankungen in Deutschland. Und ja, auch der Stress am Arbeitsplatz wurde von den Vertretern der Kassen genannt. Dazu später mehr, wenn sich der Pulverdampf etwas verzogen hat.

Am Mittwoch, den 10. September gibt es bei ZDF info in der Reihe „ZDF log in“ eine Live-Sendung mit dem Titel „Muss man den Stress verbieten?“ Hier der Trailer zur Sendung:

Das Interessante an dem Sendeformat ZDF log in zeigt die Beschreibung:

Bei log in geht es um eure Meinung! Vor und während der Live-Sendung sammelt die log in-Redaktion eure Fragen, Meinungen und Kommentare: hier im Blog, bei Google+, Facebookund bei Twitter mit dem Hashtag #ZDFlogin. Ausserdem könnt ihr imLive-Chat mitmischen.

Also nichts wie ran an den Bildschirm und mitgemacht. Ich bin gespannt!

 

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Kampagne der EU-OSHA: Gesunde Arbeitsplätze – Den Stress managen

Unlängst hat die Europäische Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz (EU-OSHA) eine Kampagne gestartet, die über zwei Jahre laufen soll und zum Ziel hat „Tipps und Tools beim Umgang mit Stress und psychosozialen Risiken bei der Arbeit“ zur Verfügung zu stellen.

Zu dem Projekt gibt es eine eigene Website, auf der Sie Materialien für die Praxis, wie diverse Publikationen und einen elektronischen Leitfaden zu psychosozialen Risiken einsehen und herunterladen können.

Auch der unvermeidliche Napo ist wieder mit von der Partie, allerdings offenbar noch nicht in Deutsch. Macht nichts, viel gesprochen wird ohnehin nicht. Hier ist er in Englisch:

 

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Gibt es das „postheroische“ Management wirklich?

Vor einiger Zeit wurde in Beraterkreisen das „postheroische“ Management ausgerufen. Vor dem Hintergrund der zunehmenden Komplexität der unternehmerischen Aufgaben kamen manche einflussreiche (Vor-) Denker zu dem Schluss, dass das Bild des einsamen Kapitäns auf der Brücke, der das Unternehmensschiff sicher durch die tosende See steuert, nicht mehr zu halten ist.

Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube. Immer noch sind viel zu viel Führungskräfte „an Bord“ (um beim Bild zu bleiben), die sich für unfehlbar halten und meinen, alles im Griff zu haben. Die Wirtschaftswelt wimmelt nur so von Kontrollfreaks, die nicht abgeben können oder besser wollen.

Mit diesem Verhalten fahren diese Führungskräfte nicht nur ihre Mitarbeiter sauer, sondern treiben auch ihre eigene Gesundheit in den Ruin. Wenn ich denke, ich müsse alles entscheiden, weil nur ich weiß, wie es geht, dann ist der Überforderung Tür und Tor geöffnet.

Es steht mir nicht zu, zu urteilen, ob Carsten Schloter solch ein Micro-Manager war. Man sollte auch nicht darüber spekulieren. Aber ständige Überforderung kann in die Katastrophe führen, wie der Artikel von Janis Hülder zeigt: Wenn Manager innerlich zerbrechen.

Der beste Tipp zur Führung, der mir in den letzten Wochen untergekommen ist, stammt von Gerd Gigerenzer:

Stell gute Leute ein und lass sie machen.

 

 

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Pendeln als Gefährdungsfaktor

Wir haben eine amerikanische Freundin, die jeden Tag für eine einfache Strecke zur Arbeit 1,5 Stunden benötigt, allein im Auto wohlgemerkt. In den USA ist das durchaus nichts Ungewöhnliches. Auch bei uns nimmt das Pendeln immer mehr zu, so zumindest der subjektive Eindruck aus meinen Workshops. Dabei ist das Berufspendeln durchaus belastend. Ob es auf Dauer auch zu Fehlbelastungen führt, hat vor einiger Zeit eine Sendung im Bayerischen Rundfunk untersucht: Der lange Weg zur Arbeit.

Leider konnte ich keine Adresse ausfindig machen, unter der Sie die Sendung nachhören können. Vielleicht kann ein Leser weiterhelfen.

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Neue Gesetze braucht das Land?

Wenn Sie die Presse hinsichtlich der Themen Stress, Burnout & Co verfolgt haben, dann ist Ihnen sicherlich aufgefallen, dass es zum Jahreswechsel vor allem die Variation ein und desselben Themas gab:

Die Reihe ließe sich beliebig fortsetzen. Mich erstaunt immer wieder die Gleichzeitigkeit, mit der die Presse solche Meldungen lanciert. Offensichtlich genügt eine Pressemitteilung und ab geht die Post.

In diesem Blätterrauschen ist mir aber doch ein Kommentar aufgefallen. Er stammt von Anna Sauerbrey vom Tagesspiegel: Ursula von der Leyens Abwesenheitsnotiz.

Es geht in diesem Kommentar um die ständige Erreichbarkeit, die ja immer wieder als ein Hauptgrund für psychische Fehlbelastungen angeführt wird. Frau Sauerbrey weist darauf hin, dass bei einigen Unternehmen schon Betriebsvereinbarungen getroffen wurden, die den Empfang von E-Mails nach Feierabend ausschließen (etwa bei VW). Auch planten einige Bundesländer eine Bundesratsinitiative, mit der der “Schutz vor Stress explizit im Arbeitsschutzrecht verankert” werden soll. Unser Arbeitsministerin Ursula von der Leyen wird da wohl nicht mitspielen oder wie es im Artikel heißt:

Die Ministerin äußert sich zwar gern zu dem Problem, hält sich aber mit konkreten Initiativen zurück. Sie verweist auf bestehende Regelungen: Bereits jetzt sind maximal zehn Stunden Arbeit täglich zulässig, Sonntagsarbeit ist im Prinzip untersagt.

Im Grunde genommen hat die Ministerin ja auch Recht. Im Prinzip ist alles vorhanden.
Nur – umgesetzt wird es mangelhaft.

In den letzten Jahren ist der Trend zu beobachten, dass der Gesetzgeber ein Gesetz nach dem anderen aus der Taufe hebt, sich aber nicht darum kümmert, wer deren Einhaltung kontrollieren soll. Da liegt der Engpass. Und auch deswegen “verlieren diese Regelungen zunehmend an Bedeutung”.

Im übrigen: Das Wort “Regelung”, das die Autorin in ihrem Beitrag benutzt, ist mir zu schwach. Die Arbeitszeit wird per Gesetz geregelt. Das Gesetz heißt Arbeitszeitgesetz (ArbZG). Ich habe einmal gelernt, dass ein Gesetz bindend ist, und zwar für alle.

Wir wissen wir aber auch: “Wo kein Kläger, da kein Richter.”

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Ein Hoch auf die Arbeitswut

Auf Spiegel online erschien dieser Tage ein Artikel über Manager, für die Stress Labsal und Work-Life-Balance ein Fremdwort ist: Die Besessenen – glücklich im Stress. Im Anreisstext heißt es:

Alle reden vom Burnout. Diese Berserker nicht. Top-Manager wie Martin Sorrell kennen weder Feierabend noch Ferien, sie ackern ohne Ende und pfeifen auf „Work-Life-Balance“. Eine Expedition ins Reich der Extremarbeiter offenbart: Sie sind oft glücklich im Stress und kerngesund.

Und dann folgt das Hohelied auf diese Schwerarbeiter, der Autorin fließt die Bewunderung förmlich aus der Feder. Und der Bestsellerautor Reinhard Sprenger nennt sie “happy Workaholics”. Seiner Meinung nach sind sie

Menschen, die ein Stück Getriebenheit haben, die auch Biss haben, die in die erste Reihe wollen, die fast erotisch [sic!] angezogen werden von dem, was sie tun. Sie wissen, dass ein Preis zu zahlen ist, und sie zahlen ihn gern.

Das mag ja alles sein. Problematisch wird es dann, wenn ich als begnadeter Sprinter, der 100 m in 10 Sekunden läuft, von meinen Mitarbeitern das Gleiche verlange. Andere Menschen haben andere Ziele, setzen andere Prioritäten. Ich meine, das sollte man respektieren.
Fairerweise muss man sagen, dass die Autorin im letzten Abschnitt ihres Artikels auf die Voraussetzungen für derartigen “Spaß” eingeht. Man braucht nämlich Gestaltungsmacht und genau diese fehlt den mittleren Managern. So einfach ist das manchmal. Da staunt der Fachmann, der Laie wundert sich.

Ich finde, dem Beitrag hätte mehr kritisches Hinterfragen und weniger Anhimmeln gut getan. So ist er eben nur ein „Fanartikel“. Schade.

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Interview mit Patrick Kury: “Es gibt eben weniger Staublunge, dafür mehr Depressionen”

Obwohl die Begriffe “Stress” und “Burnout” einige Jahre auf dem Buckel haben, gab es bislang noch keine kulturhistorische Abhandlung über die Entstehung dieser Begriffe. Diese Lücke schließt der Schweizer Kulturhistoriker Patrick Kury mit seinem Buch “Der überforderte Mensch”.

Matthias Becker hat ein Inteview mit dem Autoren geführt: „Burnout ist die Krankheit der Digitalisierung„.

Krankheiten sind immer auch ein Konstrukt, wie mir die Lektüre von Ludwik Flecks Klassiker klar gemacht hat. Jedes Zeitalter hat ihre spezifischen Krankheitsbilder, die mit dem technischen Fortschritt korrespondieren. Mit dem Ausdruck “Konstrukte” sollen die Folgen dieser Erkrankungen nicht verharmlost werden, ganz im Gegenteil. So meint auch Kury:

Es wäre ganz falsch, die Zivilisationskrankheiten abzutun als „bloß eingebildet“ oder „rein diskursive“ Angelegenheiten. Die Leute leiden! Aber die Leute litten eben auch unter den Belastungskrankheiten, die im Laufe des 20. Jahrhunderts auftraten und Namen trugen wie „vegetative Dystonie“ oder „Managerkrankheit“.

Das Interview fügt dem Diskurs um psychische Belastungen und Beanspruchungen einige interessante neue Aspekte aus anderer Perspektive hinzu. Das Buch von Kury steht schon auf meinem Wunschzettel. Und: An meiner Einstellung zu Analyse und Reduzierung psychischer Belastungen wird es nichts ändern. Warum auch.

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Wollen Sie befördert werden? Sind Sie sicher?

Ich habe einen guten Freund, der vor einigen Jahren eine Beförderung abgelehnt hat. Seine Begründung war so einfach wie einleuchtend. Seine persönliche Bilanz ergab, dass der Zuwachs an Gehalt und Status in keinem vernünftigen Verhältnis zum Mehr an Stress und Mehrarbeit stand. Klar, dass sein Arbeitgeber nicht begeistert war. Aber er hat die Sache durchgezogen und ich zolle ihm dafür meinen Respekt.

Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass es sehr wichtig ist, sich darüber klar zu werden, was man möchte und was nicht. Es ist gut für das eigene Wohlbefinden, sich in gewissen Abständen eine Auszeit zu nehmen und zu hinterfragen, “ob man noch in der Spur ist”. Denn wenn Sie nicht selbst wissen, was gut für Sie ist, dann sagen Ihnen es andere. Und die folgen oft einer anderen Agenda.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt offensichtlich eine Studie australischer Wissenschaftler, die das Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) veröffentlicht hat. In der Zusammenfassung heißt es:

Thus, it seems the additional stress involved with promotions eventually outweighs the additional status, at least for the average worker.

Eine spannendes Forschungsthema finde ich. Den englischsprachigen Bericht über die Studie können Sie als pdf-Datei herunterladen.

IZA_6675

[via Prävention online]

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