Wie ist das mit der Rente

Kürzlich war in der Süddeutschen Zeitung ein Artikel zu lesen mit dem Titel “Deutsche gehen trotz Einbußen früher in Rente”. Grundlage des Artikels sind neueste Zahlen der Rentenversicherung. Ich muss zugeben, meine erste Reaktion war: Na prima, genau so war das ja auch gewollt. Denn in Wirklichkeit ist die Verlängerung der Lebensarbeitszeit lediglich eine verstärkte Rentenkürzung mit dem Ziel, von hinten durch die Brust ins Auge doch noch das alte System zu retten. Das sehen offensichtlich andere auch so, wie z. B. Horst Schulte (via Uwe Hauck). Er schreibt in einem Beitrag:

Offenbar geht es darum, durch die Hintertür Rentenkürzungen zu erreichen. Das hat die Politik durch die eingeführte Rente mit 67 auf alle Fälle erreicht. Und jetzt werden Krokodilstränen darüber vergossen, dass die Altersarmut steigt.

Bis vor kurzem hätte ich das sofort unterschrieben. Allerdings kann man die Angelegenheit auch anders betrachten. So wie Björn Schwentker zum Beispiel. In seinem Beitrag “Verdrehte Rentendebatte” beschäftigt er sich näher mit dem o.a. Artikel aus der Süddeutschen. Und er hat sicher recht, meistens sind die Dinge eben doch nicht so einfach, wie sie auf den ersten Blick aussehen. Er schreibt:

Darüber, warum diese Menschen in Frührente gehen, ist damit aber noch nichts gesagt. Vielleicht, weil der Arbeitsmarkt ihnen nicht genug geeignete Stellen bietet. Vielleicht aber auch, weil sie auch mit Abschlägen noch genug Geld haben.

Stimmt, die nackten Zahlen wollen interpretiert werden. Leider sehen wir immer nur das, was wir sehen wollen. Ich schließe mich da ausdrücklich mit ein. Da leistet H. Schwentker einen wertvollen Beitrag zur Versachlichung der Debatte. Das muss man anerkennen.

Mitteilen/Lesezeichen

Wollen oder Müssen? Rentner drängen auf den Arbeitsmarkt

Vor einige Tagen vermeldete Spiegel online, dass immer mehr Rentner ganz oder teilweise weiterarbeiten oder wieder arbeiten: Rentner drängen auf den Arbeitsmarkt. Zitat:

Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit verfügten Ende vergangenen Jahres gut 154.000 Menschen im Rentenalter über eine sozialversicherungspflichtige Stelle. Damit hat sich ihre Zahl seit Ende 1999 knapp verdoppelt. Der Großteil dieser Beschäftigten, gut 80.000, habe sogar eine Vollzeitstelle.

Freiberufler und Selbstständige sind wie immer in dieser Statistik nicht berücksichtigt, denn dort gibt es kein festes “Renteneintrittsalter”.

Wie immer spekulieren nun die Fachleute, was zu dieser Entwicklung geführt hat. Und je nach ideologischem Standpunkt und Interessenslage zimmert sich jeder seine eigene Erklärung zusammen:

  1. Die einen führen das darauf zurück, dass die Senioren aktiv im Alter seien. Sie seien oft gut qualifiziert und möchten nicht zum “alten Eisen” gehören.
  2. Die anderen weisen auf den Anteil der Minijobber hin und darauf, dass die Renten in den letzten Jahren kontinuierlich gesunken seien. Die Senioren seien daher gezwungen, arbeiten zu gehen.

Nun können Sie raten, wem diese Aussagen zuzuordnen sind. Zwei Möglichkeiten zur Auswahl: Holger Schäfer, Arbeitsmarktexperte des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) und Ulrike Mascher, Vorsitzende des größten deutschen Sozialverbands VdK. Nicht schwer zu erraten, oder?

Kürzlich saß ich in der Seminarpause beim Mittagessen mit einer griechischen Mitarbeiterin zusammen, die sich im 38sten Dienstjahr befand. Sie sagte, sie wolle sich nun endlich um ihre Enkel kümmern, eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit sei für sie keine Option. Und außerdem: Was denn an der Serienproduktion von Drehteilen so spannend sei? Und dann im Gegensatz dazu die freiberufliche Journalistin in der Talkshow, die sich “überhaupt nicht vorstellen könne, jemals mit dem Arbeiten aufzuhören.” Können wir diese Einstellungen im Ernst über einen Kamm scheren? In meine Großhirnrinde hat sich der Satz aus einer Radiodiskussion eingebrannt:

  • 1 Drittel der Menschen kann nicht (länger arbeiten)
  • 1 Drittel der Menschen will nicht
  • 1 Drittel der Menschen darf nicht

Vielleicht müssen wir für die einzelnen Interessengruppen Lösungen maßschneidern. Kreative Lösungen sind gefragt, da sind ideologische Scheuklappen eher hinderlich.

Länger arbeiten: Pro und Contra

Mittlerweile ist sie eingeführt, die Rente mit 67, die Anhebung des Renteneintrittsalters auf 69 Jahre wird in Fachkreisen bereits diskutiert. Ich gebe zu, meine Meinung zu dem Thema ist gespalten. Mir in diesem Zusammenhang ein Zitat im Kopf herum, dass ich in einer Rundfunkdiskussion gehört habe:

  • 1 Drittel der Menschen kann nicht (länger arbeiten)
  • 1 Drittel der Menschen will nicht
  • 1 Drittel der Menschen darf nicht

Gesetze sind schnell verabschiedet. Wie Sie dann aber in der Praxis umgesetzt werden sollen, steht oft in den Sternen. Ich habe jedenfalls nicht den Eindruck, dass insbesondere bei den mittelständischen Unternehmen das Problem “Umgang mit älteren Arbeitnehmern” angekommen ist.

Die österreichische Website presse.com hat in einem Artikel das Für und Wider der längeren Berufstätigkeit gegenübergestellt:

Pro Contra
Länger leben heißt länger arbeiten Das tatsächliche Renteneintrittsalter
Hohe Einsparungen Ältere Arbeitnehmer werden nicht beschäftigt
Karrierechancen für Fachkräfte Nicht jeder kann länger arbeiten
Kein Pensionsschock Flexibilität statt starrer Altersgrenzen

In einem Artikel in der online-Ausgabe der “Zeit” stellt Friederike Lübke ebenfalls die Frage nach der längeren Arbeitszeit: Gehen oder bleiben? In dem Beitrag portraitiert die Autorin vier ältere Arbeitnehmer, die aus unterschiedlichen Motiven zu unterschiedlichen Antworten kommen.

Ich denke, wir werden noch einigen Gehirnschmalz auf dieses Thema verwenden müssen. Das Ganze ähnelt eher dem berühmten Im-Nebel-Stochern. Von etwas, was wir “Strategie” nennen könnten, sind wir noch meilenweit entfernt.

Wie geht das mit der Rente mit 67?

Heute konnte ich während einer längeren Zugfahrt per Podcast eine interessante Diskussion in der Reihe SWR 2 Forum verfolgen: Nach oben offen – Wie können wir im Alter länger arbeiten?
Zwei Journalistinnen und ein Sozoalwissenschaftler diskutierten, .unter welchen Umständen die Rente ab 67 zu realisieren ist.
Nun stellt sich bei dieser Zusammensetzung die Frage, ob die Diskutierenden nah genug dran sind an der betrieblichen Realität oder ob sie mit ihren Berufen nicht eher zu den Privilegierten gehören, für die der Zeitpunkt des Eintritts in den Ruhestand eben nicht zu den existenziellen Fragen gehört. Sie waren sich dieser Gefahr durchaus bewußt, das muss man ihnen zugestehen.

Zwei Punkte sind bei mir hängen geblieben:

  1. Der Sozialökonom Ernst Kistler stellte fest (sinngemäß): “Ein Drittel der Älteren Arbeitnehmer können nicht länger arbeiten, ein Drittel wollen nicht länger arbeiten und ein Drittel dürfen nicht länger arbeiten, weil der Arbeitgeber nicht mitmacht.”
  2. Die Beteiligten waren sich darin einig, dass bei den Unternehmern immer noch kein Problembewusstsein bez. des demographischen Wandels vorhanden ist.

Bei mir blieb der fade Beigeschmack zurück, dass hier wieder einmal von unseren Politikern etwas mit heißer Nadel gestrickt wurde. Die Konsequenzen sind noch gar nicht abzusehen. Und so wird es in den nächsten Jahren wieder abgehen wie bei der Echternacher Springprozession. Es wird wohl laufend nachgebessert und korrigiert werden müssen.
Und: Es reicht wohl nicht aus, das Renteneintrittsalter einfach nur per ordre de mufti nach oben zu setzen und darauf zu vertrauen, die Tarifparteien oder der Arbeitsmarkt würden es schon richten. Für das Setzen der Rahmenbedingungen ist immer noch der Gesetzgeber verantwortlich.

Start der Rente mit 67 und das Nachrichtenloch

Zu den Feiertagen um Weihnachten und Neujahr ist die innenpolitische Nachrichtendichte ziemlich mau. Die Tage bilden quasi das Gegenstück zum Sommerloch. Und so meldet sich der eine oder andere Politiker zu Wort, weil die Wahrscheinlichkeit sehr groß ist, in die Schlagzeilen zu kommen. Zum Jahreswechsel wurde das Renteneintrittsalter auf 67 Jahre angehoben, für den bayerischen Ministerpräsidenten Seehofer ein willkommener Anlass, sich zu Wort zu melden. Kritisch natürlich, denn wie immer demonstriert er die Verbundenheit zum Volke. Er moniert, dass

  • es viele Ältere gibt, die aus gesundheitlichen Gründen nicht in der Lage sind, bis 67 zu arbeiten (stimmt!),
  • diese deshalb trotz erheblicher finanzieller Abschläge vor 67 aufhören (stimmt!),
  • und deshalb vielleicht in die Altersarmut abrutschen (stimmt!),
  • damit wird “die Verlängerung der Lebensarbeitszeit zur faktischen Rentenkürzung” (stimmt!) und es gibt generell
  • bis dato zu wenig Arbeitsangebote für Ältere (stimmt!).

Da reibt man sich verwundert die Augen und fragt sich, ob er das tatsächlich erst zum Jahreswechsel bemerkt hat. Nein, sagt der Fachmann, aber in Bayern sind demnächst Landtagswahlen.

Die Antwort auf Seehofers “Kritik” ließ im übrigen nicht lange auf sich warten: Von der Leyen verteidigt Rente mit 67. In einem Gespräch mit Silvia Engels vom Deutschlandfunk meint Ursula von der Leyen:

Allein die Erwerbstätigkeit der Älteren hat sich verdoppelt in diesen letzten zehn Jahren und ganz egal, ob Sie die Erwerbstätigen an sich rechnen oder nur die sozialversicherungspflichtig Beschäftigten. Es sind die Älteren, wo der Zuwachs an Arbeit in den letzten zehn Jahren am stärksten ist im Vergleich zu allen anderen Bevölkerungsgruppen.

Nun ja, das ist ein Trick aus der statistischen Mottenkiste, anstatt mit der absoluten Veränderung mit der Veränderung der Veränderung zu argumentieren. Oder einfach ausgedrückt: Wenn die Zahl der Jobangebote von 1 auf 2 steigt, dann hat sich das Angebot verdoppelt (“Zuwachs ist am stärksten”). Dennoch sind 2 Jobangebote natürlich immer noch zu wenig. Das kennen wir aus Norbert Blüms Zeiten: Nicht die Arbeitslosigkeit ist geringer geworden, sondern der Zuwachs der Arbeitslosigkeit ist gesunken.

Ein Schelm, der Böses dabei denkt…

Verärgertes Smiley

Selbstständig sein im Alter

Vor einigen Wochen habe ich in diesem Blog das wunderbare Buch von Richard Bolles “Die besten Jahre” vorgestellt. Ein großer Teil des Buchs widmet sich der finanziellen Situation im Ruhestand. Was für die Amerikaner selbstverständlich ist, ist für uns (noch) die Ausnahme: Running the own business oder arbeiten als Selbstständige(r ). Hier bietet sich die Möglichkeit, das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden, denn zum einen braucht man nicht die Hände in den Schoß zu legen, zum anderen ist das zusätzliche Einkommen auch nicht zu verachten. Doch auch hierzulande scheinen immer mehr Ruheständler über die selbstständige Arbeit nachzudenken. Jonas Jansen beschreibt in seinem Artikel die Möglichkeiten, aber auch die Schwierigkeiten: Die grauen Gründer starten durch. Kernaussage des Artikels:

Viele Ältere fühlen sich noch nicht reif für die Rente und verselbstständigen sich im gehobenen Alter. Sie punkten mit Erfahrung und guten Kontakten. Beim Marketing müssen allerdings viele noch dazulernen.

Das Zitat gefällt mir persönlich am besten: “Lieber spät als nie”.

Wir wollen ältere Arbeitnehmer! Tatsächlich?

Mir geht es wie unserem Dichterfürsten Goethe: “Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube”. Überall wird betont, wie wichtig es ist, ältere Arbeitnehmer altersgerecht einzusetzen und länger zu beschäftigen. Besonders unsere Politiker tun sich das vollmundig hervor. Doch wie sieht es tatsächlich aus? Gestern was in dem ARD-Magazin “Panorama” ein Beitrag zu sehen, der untersuchte, ob und inwieweit Theorie und Praxis auseinanderklaffen: Ungerechte Rente: Wer bis 67 arbeiten muss – und wer nicht. Das Ergebnis ist ernüchternd und passt in die Reihe ähnlicher Befunde, über die an dieser Stelle auch schon berichtet wurde.

Wenn Sie die Sendung verpasst haben, können Sie den Beitrag in der Mediathek noch einmal anschauen.