Sollte man mit dem Gesetz drohen?

Stellen Sie sich vor, Sie müssten auf dem Weg zur Arbeit durch eine geschlossene Ortschaft. Sie sind spät dran, Sie haben es sehr eilig. Sie wissen aber auch, dass in der Ortschaft ein „Starenkasten“ aufgestellt ist, der die Geschwindigeit kontrolliert. Sie wissen auch, ab und zu blitzt es und die Bußgelder sind nicht von schlechten Eltern. Was werden Sie tun? Ich vermute stark, Sie werden am Orteingang abbremsen und sich bei der Durchfahrt an die Geschwindigkeitsbegrenzung halten.

Nun eine andere Variante: Der Starenkasten ist immer noch da. Aber Sie wissen, dass er in 99% der Zeit nicht „scharf“ geschaltet ist. Außerdem wissen Sie, dass die Menschen, die mit der Auswertung beschäftigt sind, manchmal ein Auge zudrücken oder nur geringe Strafen erheben. Werden Sie sich jetzt auch bei Ihrer morgentlichen Fahrt zur Arbeit an die Geschwindigkeitsbegrenzung halten? Hand aufs Herz!

Dieses Bild ist mir beim Lesen eines Artikel des von mir sehr geschätzten Götz Kluge mit dem Titel Bangemachen gilt nur den schwarzen Schafen gekommen.

Demnach kommt es wohl immer öfter vor, dass Beraterkollegen versuchen, Ihre Produkte mit der Drohung vor „Konsequenzen“ zu verkaufen. Konsequenzen drohten angeblich, wenn eine Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen nicht oder nur unzulänglich gemacht würden.

Zitat aus dem Artikel:

Die Diplom-Psychologin Sonja Berger aus dem Bereich Arbeitsbedingte Gesundheitsgefahren der Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft (BG Bau) meint, dass man sich nicht darauf einlassen solle. Es gebe zwar die Pflicht der Betriebe, eine Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung durchzuführen, diese zu dokumentieren und einen nachvollziehbaren Prozess zu implementieren, “aber die Androhung von Bußgeldern oder Regress von Dienstleistern und Beratern basiert nur auf deren finanziellen Interessen.

Ich meine, Sonja Berger hat Recht. Zwar gibt es die Pflicht, eine Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen durchzuführen, aber es stimmt auch: „wo kein Kläger, da kein Richter“, wie der Volksmund sagt.

Und so halte ich es auch für unehrlich, mit nicht existenten Sanktionen zu drohen. Die Kollegen machen sich damit unglaubwürdig. Meine Antwort auf die Frage, ob mit „Konsequenzen“ zu rechnen ist, wenn man die Beurteilung nicht durchführt, lautet schlicht und einfach „Nein“. Woher sollen sie auch kommen?
M.E. gibt es jedoch noch andere gewichtigere Argumente für die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung als das, mit dem Gesetzbuch zu wedeln. Einige davon sind durchaus „harter“ betriebswirtschaftlicher Natur.

Klar, das bedeutet Überzeugungsarbeit, ist das Bohren ganz dicker Bretter. Vielleicht wollen sich einige Kollegen dieser Mühe nicht unterziehen. Aber das wird noch weniger funktionieren als das Bretter bohren, die potenziellen Kunden sind ja nicht blöd.

Ein Satz von Sonja Berger hat mich allerdings geärgert. Sie sagt (Hervorhebung von mir):

Die Träger der gesetzlichen Unfallversicherung sowie alle Beteiligten des Arbeitsprogramms GDA Psyche distanzieren sich von den Angeboten der selbsternannten Experten.

Das ist eine Aussage, die ich von Vertretern der BGn immer wieder höre: Berater sind geldgierig und haben keine Ahnung. Lasst die Finger davon!

Ich finde das sehr herabsetztend:

  1. Berater sind Dienstleister, ihre Dienstleistung ist die Beratung und Unterstützung von Unternehmen und deren Mitarbeitern.
  2. Sie sind oft Spezialisten auf Gebieten, in denen viele Mitarbeiter den BGn, mit Verlaub, oft überfordert sind. In der Organisationsentwicklung z. B. Und genau die braucht man, wenn man die Gefährdungen psychischer Belastungen nicht nur analysieren, sondern auch Verbesserungen erzielen möchte.
  3. Nicht jeder Berater ist selbsternannter Experte. Ich selbst bin z. B. Sicherheitsfachkraft (Sicherheitsingenieur), ausgebildet von der Verwaltungs-BG. Seit 1991 unterstütze ich Firmen bei Veränderungsprojekten. Da kommt schon einiges an Erfahrung zusammen.
  4. Natürlich haben Berater finanzielle Interessen. Schließlich müssen sie leben und ihre Miete bezahlen. Ich nehme an, dass die Mitarbeiter der BGn auch nicht ins Büro gehen und auf ihr Gehalt verzichten. Das gilt übrigens auch für andere Mitarbeiter und Führungskräfte (und auch für Betriebsräte, lieber Götz Kluge) . Auch die Dienste der gesetzlichen Unfallversicherungen sind nicht kostenlos, man merkt es nur nicht auf den ersten Blick.

 

Zugegeben: Dieser Beitrag ist im Ton vielleicht etwas scharf geraten. Ich halte es aber mit Christian Lindner, der nach einem Temperamentsausbruch im Düsseldorfer Landtag meinte:

Das hat Spaß gemacht!

Manchmal muss es eben raus. 😉

Share

Psychisch krank durch die Arbeit?

Ein kurzer Beitrag auf dem Website von Haufe, der dieser Tage erschienen ist, trägt den Titel:  Wenn Arbeit psychisch krank macht. Besonders informativ finde ich den Artikel nicht, allerdings ist mir die Überschrift eines Absatzes besonders ins Auge gefallen:

Arbeitsschutz ist ein Risikofaktor.

Nanu, dachte ich und rieb mir verwundert die Augen. Arbeitsschutz soll ein Risikofaktor sein. “Weiterlesen” lautet eines der wichtigsten Gebote des Juristen, dem ich auch sofort gefolgt bin. In dem Abschnitt heißt es:

Einen weiteren Risikofaktor sehen die Wissenschaftler des Forschungsprojekts im Arbeitsschutz. Er kommt den Entwicklungen der Arbeitswelt nicht hinterher. Dies hat zur Folge, dass zwar das Sicherheitsdenken in der Produktion inzwischen gut ausgeprägt ist, der Präventionsgedanke jedoch in fast allen Branchen oft vernachlässigt wird. Außerdem findet das Thema psychische Belastungen bisher fast nirgends Akzeptanz.

Hier wird wohl einiges durcheinander gebracht. Deshalb die Klarstellung:

  1. Der Arbeitsschutz ist kein Risikofaktor, sondern dient der Vorbeugung. Das gilt auch für die Prävention bez. psychischer Fehlbelastungen. Somit ist es Teil des Arbeitsschutzes, sich mit psychischen Belastungen am Arbeitsplatz auseinander zu setzen.
  2. Der Arbeitsschutz kommt den  Entwicklungen durchaus hinterher. Es gibt unzählige Handreichungen und Broschüren zum Thema. Herausgeber sind Ministerien, Berufsgenossenschaften, Krankenkassen usw. M. E. gibt es mittlerweile so viel davon, dass man den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht und in der Informationsflut zu ertrinken droht.
    Außerdem ist der Umgang mit psychischen Belastungen auch im Gesetz geregelt. Hier zum Beispiel.
  3. Der Präventionsgedanke wird nicht allgemein vernachlässigt, sondern in erster Linie bei den psychischen Belastungen. Der Arbeitsschutz bei physischen Belastungen ist m. E. sogar sehr gut ausgeprägt. Nicht nur in der Produktion, sondern auch bei den Bürotätigkeiten.
  4. Dass das “das Thema psychische Belastungen bisher fast nirgends Akzeptanz” findet, kann ich allerdings bestätigen. Der Gründe gibt es viele:
    • Fehlende Akzeptanz “weicher” Faktoren
    • Annahme, psychische Belastung könnten nicht “gemessen” werden
    • Angst vor der Konsequenz aus den Ergebnissen
    • Fehlende Sanktionierung
    • und vieles mehr

Man möge mich der Erbsenzählerei bezichtigen, aber ich denke, manchmal müssen Dinge schon zurechtgerückt werden.

Share

Geballtes Wissen zur Arbeitssicherheit: Das OSH Wiki

Wenn Sie bislang nicht wussten, für was die Abkürzung OSH steht, dann sind Sie in bester Gesellschaft. Ich wusste es nämlich auch nicht. Hier die Lösung: OSH steht für das Occupational Health and Safety Network. Laut eigener Beschreibung handelt es sich um ein Netzwerk von Menschen aus Berufen rund um die Arbeitssicherheit und verwandter Gebiete, die sich das Sammeln und Veröffentlichen unterschiedlichster einschlägiger Informationen zum Ziel gesetzt hat.

Sie finden auf der Website eine umfangreiches Verzeichnis mit Links zu allen möglichen Informationen, besonders interessant finde ich allerdings das OSH Wiki. Dort gibt es viele Artikel z. B. auch zur psychischen Gesundheit in Unternehmen.

Leider sind die meisten Artikel nur in englischer Sprache verfasst. Die deutschen Seiten sind noch etwas dünn. Wie wir von der Wikipedia wissen, leben Wikis durch die rege Beteiligung der Nutzer. Deswegen lohnt es sich, immer einmal wieder vorbei zu schauen. Die Inhalte werden immer wieder verändert und aktualisiert.

Share

Zeit-Serie: Psychisch krank

Es ist eben doch gut, von Zeit zu Zeit wieder einmal das eigene Archiv zu durchforsten. Es gibt durchaus den einen oder anderen Schatz zu heben, an den man gar nicht mehr gedacht hat. So auch diesen. Vor etwa zwei Jahren hat Götz Kluge auf einen Artikelserie in der Zeit hingewiesen, die kaum an Aktualität verloren hat: Psychisch krank. Die Beiträge befassen sich mit den Themen:

  • Wartezeit für geeignete Therapien, auch bekannt unter Unterversorgung mit Psychotherapeuten
  • Umgang mit psychisch Erkrankten
  • Bestimmten Erscheinungsformen psychischer Erkrankungen, wie Depression, ADHS, Borderline usw.
  • Psychische Erkrankung und Berufstätigkeit
  • Psychische Erkrankungen auf Twitter (#isjairre)
  • u.v.m.

#isjairre ist nicht der einzige Hashtag, den Sie auf Twitter zu psychischen Erkrankungen. Unter #ausderklappse twittert auch Uwe Hauck (alias @bicyclist) über seine einschlägigen Erfahrungen. Demnächst wird auch ein Buch von ihm darüber erscheinen. Ich bin gespannt. Ihm auf Twitter zu folgen, lohnt sich allemal.

Share

Buchempfehlungen von der BAuA

Das Institut für Soziologie an der TU Chemnitz hat sich eingehend mit dem Thema “Zeit- und Leistungsdruck” beschäftigt und die Ergebnisse der Studien in einem Buch unter ebendiesem Titel veröffentlicht. Sie finden eine ausführliche Beschreibung des Inhalts auf der Website der BAuA. Dort werden Sie auch auf eine Seite verwiesen, wo Sie den Inhalt online einsehen können. Über eine ähnliche Thematik berichten Forscher vom Institut für sozialwissenschaftlichen Forschung in München: “Zeit- und Leistungsdruck bei Wissens- und Interaktionsarbeit” (Hinweis BAuA). Die online-Version finden Sie hier.

Leichte Kost ist das alles nicht. Wissenschaft soll ja auch nicht von allen verstanden werden. 😉

Share

Arbeit und Psyche von A bis Z

Der Gemeinsame Deutsche Arbeitsschutzstrategie (GDA) betreibt eine übersichtliche Website, auf der Sie unter dem Titel “Arbeitsprogramm Psyche” eine Menge Informationen zu psyschischen Belastungen am Arbeitsplatz finden. Besonders interessant fand ich die Unterseite “Arbeit und Psyche von A bis Z”. Dort können Sie einige Ursachen für Fehlbelastungen nachschlagen, für die Sie eine kurze Definition erhalten und diverse Handlungsmöglichkeiten vorgeschlagen bekommen. Allerdings sind dies Informationen eher in Form von Steckbriefen gehalten, in die Tiefe gehen sie nicht. Möchten Sie ins Detail gehen, dann finden Sie auf der rechten Menüleiste Hinweise zu weiteren Informationen, die Sie direkt anklicken können.

Wenn Sie die verschiedenen Begriffe überfliegen, werden Sie schnell feststellen, dass die Verbesserungen in diesen Bereichen manchmal nur durch das Bohren dicker Bretter zu erreichen ist. Mitunter steckt der Teufel im Detail und solide Kenntniss in der Philosophie und der Methodik der Organisationsentwicklung sind nicht nur von Vorteil, sondern manchmal sogar Voraussetzung.

BTW: An Broschüren, Handreichungen und Anleitungen mangelt es wirklich nicht. Im Gegenteil, es ist eher so, dass man den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht. Jede Institution bringt ihre mehr oder weniger informative Broschüre heraus, die auch noch alle wechselseitig aufeinander verweisen. Auch an Portalen herrscht kein Mangel. Obwohl ich seit Jahren auf dem Gebiet im Internet recherchiere, ist es für mich schwer, den Überblick zu behalten. Weniger wäre mehr, Klarheit geht anders. Von den Kosten aufgrund unnötiger Redundanz wollen wir wir gar nicht reden.

Share

Wer kümmert sich um die psychische Gesundheit?

Ich gebe zu, es fällt mir immer schwerer, für dieses Weblog zu schreiben. Sie haben das sicher schon bemerkt, denn die Artikel werden weniger. Als ich es gestartet habe, war ich voll Begeisterung für das Thema „Psychische Gesundheit am Arbeitsplatz“. Die Begeisterung ist der Ernüchterung gewichen. Ich musste lernen, dass ein großer Unterschied besteht zwischen der Aufmerksamkeit, das dieses Thema in der Presse genießt und der Aufmerksamkeit, die die verantwortlichen Akteure in den Betrieben dafür aufbringen.

In der Ausbildung zum Sicherheitsingenieur bei der VBG war viel von der „Maßnahmenhierarchie“ die Rede, also davon, dass immer Verhältnisprävention der Verhaltensprävention vorzuziehen ist. Papier ist bekanntlich geduldig und so wird der interessierte Beobachter feststellen, dass das Problem „Psychische Belastung am Arbeitsplatz“ in der veröffentlichten Meinung individualisiert wird. Es wird also ausschließlich zur Angelegenheit der einzelnen Mitarbeiter. Dass das Gesetz eine andere Aussage trifft, interessiert nicht weiter, denn bekanntlich gibt es keinen Richter, wenn der Kläger fehlt (… und der Richter auch gar keine Handhabe hat).

Zu einem ähnlichen Schluss kommt auch Christoph Lixenfeld in seinem Beitrag „Vor Burnout muss man sich selbst schützen“. Er schreibt:

Natürlich können Arbeitgeber viel gegen das Ausbrennen ihrer Mitarbeiter tun – und sie sollten es im Eigeninteresse tun. Schließlich leidet auch das Unternehmen darunter, wenn Mitarbeiter längerfristig wegen Krankheit ausfallen. Theoretisch. In der Praxis, das hat jeder Angestellte schon erlebt, sind Jasager und ehrgeizige Selbstausbeuter für den Chefs angenehme Mitarbeiter, Querdenker und Widersprecher werden allenfalls in Firmenbroschüren gelobt.

Das allein ist es gar nicht, die Arbeitgeber sind vielmehr dazu verpflichtet, eine Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen durchzuführen. Sie tun es aber nicht. Na und?

Share

„Gesunde Arbeit“ – Eine Kampagne des BDP

Der Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen e.V. (BDP) betreibt eine Kampagne mit dem Titel „Gesunde Arbeit“. Auf der dazu gehörenden Website finden Sie allerhand nützliche Informationen in Form von Präsentationen. Die Themen reichen von Burnout über demografischen Wandel bis hin zum Betrieblichen Gesundheitsmanagement. Sie können die Präsentationen als pdf – Datei herunterladen. Wenn Sie möchten, kommt auch jeden Monat eine neue Folge zu Ihnen in den elektronischen Briefkasten.

Arbeits- und Organisationspsychologen sind sicher die Ansprechpartner für Problemfälle im Betrieb. Insbesondere ein Employee Assistance Program (EAP) kann eine sinnvolle Maßnahme sein.

Für eine Gefährdungsbeurteilung müssen Sie jedoch nicht zwingend einen Psychologen hinzuziehen. Wenn allerdings die Auswertung zeigt, dass die Analyse vertieft werden muss und entsprechende Verfahren zum Einsatz kommen, muss ein geschulter Psychologe hinzugezogen werden. Insbesondere ist dies bei Expertenverfahren der Fall. Eine Übersicht hierzu finden Sie auf der Website der BAuA.

Share

Psychisch Krank im Job – Was tun?

Eine psychische Erkrankung ist leider immer noch ein Tabuthema in weiten Teilen der Gesellschaft. Während der Satz „Isch hab Rücken“ schon zu den Elementen kabarettistischen Einlagen gehört, kann man mit dem Satz „Ich bin depressiv“ kaum reüssieren. Martina Gauder hat in Ihrem Artikel „Wie sag ich’s dem Chef“ einen besonders heiklen Aspekt des Themas aufgegriffen: Wie soll man mit psychischen Erkrankungen im Betrieb umgehen?

Bevor man allzu offen sein Herz auf der Zunge trägt, möge man die arbeitsrechtlichen Aspekte der Offenlegung der Erkrankung vor dem Arbeitgeber bedenken. Wie die Prognose der Heilungschancen aussieht, ist dabei nicht unerheblich.

Gute Hinweise gibt auch der Ratgeber „Psychisch krank im Job. Was tun?“, der vom Dachverband der BKK herausgegeben wurde. Sie können ihn kostenlos beim Psychiatrienetz als pdf-Datei herunterladen.

Psychisch Krank, was nun

Share