Interview mit Arbeitsministerin Andrea Nahles

Heute erschien bei haufe.de ein Interview mit Andrea Nahles: „Die Politik hat kein Gestaltungsmonopol“. Mich hat diese Überschrift für ein Interview ausgerechnet mit Andrea Nahles sehr überrascht und neugierig gemacht. Folgende Themen werden angerissen:

  • Arbeiten 4.0
  • Die gesundheitlichen Auswirkungen von „New Work“
  • Die freie Gestaltung der Arbeitszeit
  • Die Arbeitsstättenverordnung
  • Chancen und Risiken des neuen Arbeitens

Mir ist beim Lesen aufgefallen, dass offensichtlich die Politik nicht nur kein Gestaltungsmonopol mehr hat, sondern generell die Gestaltung dem „freien Spiel“ der Kräfte der Märkte überlässt. In den letzten Jahren hat man sich vom Spielfeld zurückgezogen, nun ist es schwer, auf den Platz zurückzukehren.

 

Arbeit und psychische Erkrankungen

Letzten Mittwoch erschien in der “Welt” ein Interview mit Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt: Hundt kritisiert Zeitplan bei Energiewende.

An dieser Stelle interessieren besonders seine Antworten auf die Fragen nach psychischen Erkrankungen.

Zunächst stellt er fest, dass laut Studien mehr psychische Erkrankungen bei Erwerbslosen vorkämen als bei Erwerbstätigen. Somit sei klar, dass Arbeit gar nicht die Ursache von psychischen Erkrankungen sein könne.

Hier hat einer seinen Schopenhauer sorgfältig studiert (“Die Kunst, Recht zu behalten”). Wenn Sie lange genug suchen, dann werden Sie auch den passenden rhetorischen Trick finden, den Herr Hundt hier angewandt hat. Natürlich ist es unzulässig, diesen Bezug herzustellen, aber im ersten Moment erzielt er Wirkung und darauf kommt es an. Die Ursachen für psychische Erkrankungen haben vermutlich bei Erwerbstätigen ganz andere Ursachen als bei Erwerbslosen. Und ja, Arbeit kann sehr wohl psychisch krank machen. Arbeit mit Fehlbelastungen zum Beispiel, auch dafür gibt es Studien.

Wahrscheinlich hat Herr Hundt recht, wenn er sagt, die Sensibilität der Ärzte habe hinsichtlich psychischer Erkrankungen zugenommen und damit auch die einschlägigen Diagnosen. Aber damit allein ist die erschreckende Zunahme dieser Erkrankungen sicher nicht zu erklären. So einfach machen es sich unsere Ärzte mit ihren Diagnosen nicht.

Es bestreitet auch niemand, dass es eine Menge psychischer Belastungsfaktoren im privaten Bereich gibt. Aber das heißt nicht, dass es damit zwingend keine Fehlbelastungen am Arbeitsplatz gäbe (Wieder so ein Trick). Herr Hundt sagt weiter:

Die Unternehmen können aber nicht alles reparieren, was in Einzelfällen in anderen Lebensbereichen schiefläuft.

Kein Mensch verlangt das. Die Arbeitgeber sollten sich um das kümmern, was sie beeinflussen können, um die Arbeitsplätze nämlich. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Und reparieren sollen sie schon gar nichts. Für das Reparieren sind andere Institutionen da.

Hanns Joachim Friedrichs hat einmal über den Journalistenberuf gesagt:

Einen guten Journalisten erkennt man daran […] dass er überall dabei ist, aber nirgendwo dazu gehört.

Für meinen Beruf nehme ich das auch in Anspruch und so betrachte ich die Debatten zwischen den Sozialpartnern aus einer Außenperspektive. Ich erlaube mir, mal über die eine Seite den Kopf zu schütteln, mal über die andere Seite.

Ich verstehe nicht, warum die Arbeitgeberseite auf diese Art und Weise argumentiert, anstatt in die Offensive zu gehen. So schwer ist das doch gar nicht. Ein erster Schritt wäre die Durchführung einer vollständigen Gefährdungsbeurteilung. Vollständig heißt, unter Einbeziehung  psychischer Belastungsfaktoren. Vielleicht müsste man dann nicht auf Rhetorikfiguren zurückgreifen, sondern könnte mit Fakten argumentieren.

Alle würden davon profitieren, denn Herr Hundt meint zu Recht in dem Interview:

Wir sind doch alle aus ureigenem Interesse auf gesunde, motivierte und tatkräftige Arbeitnehmer angewiesen.

Dem ist nichts hinzuzufügen.

Interview mit Patrick Kury: “Es gibt eben weniger Staublunge, dafür mehr Depressionen”

Obwohl die Begriffe “Stress” und “Burnout” einige Jahre auf dem Buckel haben, gab es bislang noch keine kulturhistorische Abhandlung über die Entstehung dieser Begriffe. Diese Lücke schließt der Schweizer Kulturhistoriker Patrick Kury mit seinem Buch “Der überforderte Mensch”.

Matthias Becker hat ein Inteview mit dem Autoren geführt: „Burnout ist die Krankheit der Digitalisierung„.

Krankheiten sind immer auch ein Konstrukt, wie mir die Lektüre von Ludwik Flecks Klassiker klar gemacht hat. Jedes Zeitalter hat ihre spezifischen Krankheitsbilder, die mit dem technischen Fortschritt korrespondieren. Mit dem Ausdruck “Konstrukte” sollen die Folgen dieser Erkrankungen nicht verharmlost werden, ganz im Gegenteil. So meint auch Kury:

Es wäre ganz falsch, die Zivilisationskrankheiten abzutun als „bloß eingebildet“ oder „rein diskursive“ Angelegenheiten. Die Leute leiden! Aber die Leute litten eben auch unter den Belastungskrankheiten, die im Laufe des 20. Jahrhunderts auftraten und Namen trugen wie „vegetative Dystonie“ oder „Managerkrankheit“.

Das Interview fügt dem Diskurs um psychische Belastungen und Beanspruchungen einige interessante neue Aspekte aus anderer Perspektive hinzu. Das Buch von Kury steht schon auf meinem Wunschzettel. Und: An meiner Einstellung zu Analyse und Reduzierung psychischer Belastungen wird es nichts ändern. Warum auch.

Anti-Stress-Verordnung: Ja oder Nein?

In der Presse wurde es eingehend vermeldet: Die IG Metall fordert verbindliche Regeln gegen den Stress am Arbeitsplatz und hat auch entsprechende Vorschläge unterbreitet. Nähere Informationen dazu finden Sie zum Beispiel bei:

In der TAZ heißt es zur Reaktion des Bundesarbeitsministeriums zu dem Vorstoß:

Mit Gewerkschaften, der Wissenschaft und anderen Teilnehmern sei man im Gespräch, so ein Sprecher des Ministeriums. Man prüfe, ob eine neue Verordnung das Problem beheben könne, oder ob bestehende Gesetze nicht ausreichten. Tatsächlich gebe es „Erkenntnislücken“, was den psychischen Arbeitsschutz betreffe.

Ist das wirklich so? Eigentlich ist zum Thema psychische Fehlbelastungen alles gesagt, allerdings wenig umgesetzt. Neue Gesetze und Vorschriften sind schnell verabschiedet. Allerdings ist Papier bekanntlich geduldig. Warum neue Vorschriften, wenn noch nicht einmal die alten umgesetzt werden? Worin bestehen denn die Erkenntnislücken, von denen das Ministerium spricht?

Die andere Seite sieht den Vorstoß der IG Metall natürlich kritisch. So der Direktor des Instituts für angewandte Arbeitswissenschaft Sascha Stowasser im Interview, das Sie hier herunterladen können (mp3-Datei).

Ich weiß nicht, mich befallen bei solchen Nachrichten immer Déjà-vu-Gefühle.

Stellen wir die richtigen Fragen?

In dem online-Magazin Telepolis erschien kürzlich ein Interview mit der Philosophin Svenja Flaßpöhler mit dem etwas provozierenden Titel: “Wir kommen um die Systemfrage nicht herum”. In dem Gespräch analysiert sie die Ursachen und Symptome dieses Phänomen unter dem Stichwort "Genussarbeit. Dass dabei auch Themen wie Stress und Burnout behandelt werden, ist unumgänglich. Ein lesenswerter Denkanstoß.

Interview zum Begriff “Burnout”

Mit dem Ausdruck “Burnout” wird dieser Tage in geradezu inflationärer Weise um sich geworfen. Dabei ist der Burnout allenfalls “eine Rahmen- oder Zusatzdiagnose und keine (!) Behandlungsdiagnose, die zum Beispiel die Einweisung in ein Krankenhaus ermöglichen könnte”, so in dem einschlägigen Artikel der Wikipedia.

In einem Interview mit Spiegel online erläutert Ulrich Hergerl,  Professor für Psychiatrie und Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Leipzig, wie er den Begriff “Burnout” und dessen Behandlung in den Medien bewertet. "Burnout ist eine Ausweichdiagnose", so lautet der Titel des Interviews.

Ein Zitat aus dem Interview:

Wäre Burnout oder Depression eine Folge beruflicher Überforderung, dann sollten ja vor allem Personen im Hochleistungsbereich betroffen sein, Sportler zum Beispiel, und weniger Rentner, Studenten oder Arbeitslose. Aber wir beobachten eher das Gegenteil.

Naja, ich kenne da schon ein paar Personen im sportlichen Hochleistungsbereich, vielleicht sollte Prof. Hergerl vielleicht ab und zu Zeitung lesen oder Nachrichten hören. Oder den Artikel von Frank Th. Petermann lesen: Burnout im Professional-Sport (pdf).

Nachtrag (28. November)

Zum selben Thema erschien in der Badischen Zeitung ein Interview mit dem Psychiater, Chefarzt, Theologe und Bestsellerautor Manfred Lütz: "Burnout, das gibt es doch gar nicht". Na also, alles nur Einbildung.

Moderne Arbeitswelten und Gesundheit – Ein Interview

Gerrit Wustmann hat mit dem Kölner Psychotherapeuten und Psychoanalytiker Valentin Z. Markser ein lesenswertes Interview geführt: Unsere Arbeitswelten sind gesundheitsschädigend. Sicherlich, der Titel ist etwas reißerisch und sicher zu verallgemeinernd, lesenswert ist der Beitrag aber allemal. Ein Zitat, das ich mir merken will:

Die in ihrer politischen Auswirkung unterschätzte religiöse Überzeugung vom Sündenfall und die verbreiteten philosophischen Theorien von Menschen als Egoisten (siehe Hobbes) und einem Wesen mit dem Todestrieb (siehe Freud) haben unser soziales und ökonomisches Gesellschaftssystem maßgeblich mitbegründet und lenken nach wie vor die Aufmerksamkeit von der krankmachenden Umwelt ab.

So kann man es auch sehen.

GTD und Burnout: Ein Interview mit David Allen

Wie die Leser vielleicht wissen, beschäftige ich mich intensiv privat und beruflich mit dem Thema “Selbstorganisation”. Besonders der Ansatz “Getting Things Done (GTD)” nach David Allen hat es mir angetan.

Bei MSNBC gab es kürzlich ein Interview mit David Allen zu der Frage, inwieweit GTD helfen kann, Burnout zu vermeiden. Ich weiß nicht so recht, das Thema Burnout ist sicher zu komplex, als dass man es allein durch den Einsatz einer, wenn auch wirksamen, Arbeitsmethodik, “erschlagen” kann. Interessant ist das Gespräch allemal.

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David Allen zu GTD und Burnout

 

Wenn Sie mehr über persönliche Arbeitsorganisation erfahren wollen, besuchen Sie mich doch einmal auf dem Toolblog.

Vom Umgang mit psychischen Erkrankungen am Arbeitsplatz

Dr. Rolf Manz und Dr. Dirk Windemuth sind Arbeitspsychologen bei der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung. In einem Interview geben Sie Hinweise, wie Arbeitgeber mit psychischen Erkrankungen im Betrieb umgehen können (pdf-Datei). Vorgestellt wird in dem Gespräch das Konzept des „Disability Management“:

Ein Disability Manager ist ein Experte dafür, wie man verschiedene Hilfsangebote zusammenführen und dem Erkrankten letztendlich bei der Rückkehr in den Beruf helfen kann.
Auf einer eigenen Website der DGUV gibt es dazu mehr: Mit Disability Management in die Zukunft der Arbeit.