Wer kümmert sich um die psychische Gesundheit?

Ich gebe zu, es fällt mir immer schwerer, für dieses Weblog zu schreiben. Sie haben das sicher schon bemerkt, denn die Artikel werden weniger. Als ich es gestartet habe, war ich voll Begeisterung für das Thema „Psychische Gesundheit am Arbeitsplatz“. Die Begeisterung ist der Ernüchterung gewichen. Ich musste lernen, dass ein großer Unterschied besteht zwischen der Aufmerksamkeit, das dieses Thema in der Presse genießt und der Aufmerksamkeit, die die verantwortlichen Akteure in den Betrieben dafür aufbringen.

In der Ausbildung zum Sicherheitsingenieur bei der VBG war viel von der „Maßnahmenhierarchie“ die Rede, also davon, dass immer Verhältnisprävention der Verhaltensprävention vorzuziehen ist. Papier ist bekanntlich geduldig und so wird der interessierte Beobachter feststellen, dass das Problem „Psychische Belastung am Arbeitsplatz“ in der veröffentlichten Meinung individualisiert wird. Es wird also ausschließlich zur Angelegenheit der einzelnen Mitarbeiter. Dass das Gesetz eine andere Aussage trifft, interessiert nicht weiter, denn bekanntlich gibt es keinen Richter, wenn der Kläger fehlt (… und der Richter auch gar keine Handhabe hat).

Zu einem ähnlichen Schluss kommt auch Christoph Lixenfeld in seinem Beitrag „Vor Burnout muss man sich selbst schützen“. Er schreibt:

Natürlich können Arbeitgeber viel gegen das Ausbrennen ihrer Mitarbeiter tun – und sie sollten es im Eigeninteresse tun. Schließlich leidet auch das Unternehmen darunter, wenn Mitarbeiter längerfristig wegen Krankheit ausfallen. Theoretisch. In der Praxis, das hat jeder Angestellte schon erlebt, sind Jasager und ehrgeizige Selbstausbeuter für den Chefs angenehme Mitarbeiter, Querdenker und Widersprecher werden allenfalls in Firmenbroschüren gelobt.

Das allein ist es gar nicht, die Arbeitgeber sind vielmehr dazu verpflichtet, eine Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen durchzuführen. Sie tun es aber nicht. Na und?

3 Gedanken zu „Wer kümmert sich um die psychische Gesundheit?

  1. Gut beobachtet: »dass das Problem „Psychische Belastung am Arbeitsplatz“ in der veröffentlichten Meinung individualisiert wird.« Ja, das wird sogar richtig systematisch und überlegt gemacht.

    Die Methode dazu ist oft ein „Gesundheitsmanagement“ und/oder eine „Gesundheitsförderung“, in der eine die Arbeitgeber in die lästige Verantwortung nehmende Verhältnisprävention mit viel Werbeaufwand mit einer die Mitarbeiter in die Verantwortung nehmenden Verhaltensprävention ersetzt. Und die systemisch überforderte und überlastete Gewerbeaufsicht lässt sich dann von Maßnahmen beeindrucken, die gar keine Arbeitsschutzmaßnahmen sind. So können sich Arbeitgeber auch weiterhin ganz locker über das Gesetz stellen.

    Mit der von den Interessen der Zertifizierungsunternehmen vorangetriebenen Leichtgewichts-Spezifikation DIN SPEC 91020 macht die Deutsche Akkreditierunsstelle Gesundheitsmanagementsysteme (DAkkS) sogar zertifizierbar, ohne das sauber vom Arbeitsschutz zu trennen. Dabei hätte eine im PAS-Verfahren erstellte DIN SPEC garnicht vom DIN akzeptiert werden dürfen: http://blog.psybel.de/stichwort/pas-verfahren/

    Es gibt aber Bezüge in der DIN SPEC 91020 (und den Audit-Hinweisen der DAkkS) zum Arbeitsschutz. Die Methoden, mit der hier die wichtige Konsensbildung bei der Normierung von Arbeitsschutzstandards auch mit Hilfe der DAkkS ausgehebelt werden, funktionieren wohl auch, weil AMS-Standardisierungen kaum ein Thema für die breite Öffentlichkeit ist und unter dem Radar der allgemeine Presse ausgekungelt wird. Das Zertifizierungsgeschäft hat aber einen zunehmenden Einfluss auf den alle Arbeitnehmer betreffenden Arbeitsschutz.

    Hier noch ein interessanter Artikel zum „Gesundheitsmanagement“: Wolfgang Hien, Arbeitswelt und seelische Gesundheit, gute ARBEIT, 2011-05, S. 37-39, http://www.wolfgang-hien.de/download/Arbeiten-2011.pdf

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