Arbeit und psychische Erkrankungen

Letzten Mittwoch erschien in der “Welt” ein Interview mit Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt: Hundt kritisiert Zeitplan bei Energiewende.

An dieser Stelle interessieren besonders seine Antworten auf die Fragen nach psychischen Erkrankungen.

Zunächst stellt er fest, dass laut Studien mehr psychische Erkrankungen bei Erwerbslosen vorkämen als bei Erwerbstätigen. Somit sei klar, dass Arbeit gar nicht die Ursache von psychischen Erkrankungen sein könne.

Hier hat einer seinen Schopenhauer sorgfältig studiert (“Die Kunst, Recht zu behalten”). Wenn Sie lange genug suchen, dann werden Sie auch den passenden rhetorischen Trick finden, den Herr Hundt hier angewandt hat. Natürlich ist es unzulässig, diesen Bezug herzustellen, aber im ersten Moment erzielt er Wirkung und darauf kommt es an. Die Ursachen für psychische Erkrankungen haben vermutlich bei Erwerbstätigen ganz andere Ursachen als bei Erwerbslosen. Und ja, Arbeit kann sehr wohl psychisch krank machen. Arbeit mit Fehlbelastungen zum Beispiel, auch dafür gibt es Studien.

Wahrscheinlich hat Herr Hundt recht, wenn er sagt, die Sensibilität der Ärzte habe hinsichtlich psychischer Erkrankungen zugenommen und damit auch die einschlägigen Diagnosen. Aber damit allein ist die erschreckende Zunahme dieser Erkrankungen sicher nicht zu erklären. So einfach machen es sich unsere Ärzte mit ihren Diagnosen nicht.

Es bestreitet auch niemand, dass es eine Menge psychischer Belastungsfaktoren im privaten Bereich gibt. Aber das heißt nicht, dass es damit zwingend keine Fehlbelastungen am Arbeitsplatz gäbe (Wieder so ein Trick). Herr Hundt sagt weiter:

Die Unternehmen können aber nicht alles reparieren, was in Einzelfällen in anderen Lebensbereichen schiefläuft.

Kein Mensch verlangt das. Die Arbeitgeber sollten sich um das kümmern, was sie beeinflussen können, um die Arbeitsplätze nämlich. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Und reparieren sollen sie schon gar nichts. Für das Reparieren sind andere Institutionen da.

Hanns Joachim Friedrichs hat einmal über den Journalistenberuf gesagt:

Einen guten Journalisten erkennt man daran […] dass er überall dabei ist, aber nirgendwo dazu gehört.

Für meinen Beruf nehme ich das auch in Anspruch und so betrachte ich die Debatten zwischen den Sozialpartnern aus einer Außenperspektive. Ich erlaube mir, mal über die eine Seite den Kopf zu schütteln, mal über die andere Seite.

Ich verstehe nicht, warum die Arbeitgeberseite auf diese Art und Weise argumentiert, anstatt in die Offensive zu gehen. So schwer ist das doch gar nicht. Ein erster Schritt wäre die Durchführung einer vollständigen Gefährdungsbeurteilung. Vollständig heißt, unter Einbeziehung  psychischer Belastungsfaktoren. Vielleicht müsste man dann nicht auf Rhetorikfiguren zurückgreifen, sondern könnte mit Fakten argumentieren.

Alle würden davon profitieren, denn Herr Hundt meint zu Recht in dem Interview:

Wir sind doch alle aus ureigenem Interesse auf gesunde, motivierte und tatkräftige Arbeitnehmer angewiesen.

Dem ist nichts hinzuzufügen.

Ein Gedanke zu „Arbeit und psychische Erkrankungen

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