Achtsamkeit als Instrument der Verhaltensprävention

Ein nachgewiesen wirksames Mittel im Umgang mit Stress und anderen Widrigkeiten ist die Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion (MBSR) nach Kabat-Zinn. Ich bin von diesem Ansatz überzeugt und praktiziere die Achtsamkeitsmeditation täglich, wie ich gestern im Toolblog berichtet habe.

Achtsamkeit hatte auch ein Artikel zum Thema, der vor ein paar Tagen in der online – Ausgabe der Welt erschienen ist: Achtsamkeit soll gegen Job-Wahnsinn helfen. In dem Artikel wird der Vorschlag eines “Coaching-Paares” aufgegriffen, nach dem Firmen Achtsamkeits-Trainings anbieten sollen. Nicht nur das:

Ihre [die der Coaches] Idee ist es, Mitarbeiter der Firmen auszubilden, die dann für ihre Kollegen das Achtsamkeits-Training anbieten – denn am Arbeitsplatz finde "der meiste tägliche Wahnsinn" statt.

Jetzt bin ich ganz durcheinander und habe ein paar Fragen:

  • Wenn es wirklich so ist, dass der Wahnsinn am Arbeitsplatz stattfindet, sollte man dann nicht den Arbeitsplatz verändern? Ganz so, wie es die Maßnahmenhierarchie vorsieht? Oder in unserem Jargon: Sollte man nicht zuerst Verhältnisprävention betreiben?
  • Woher wissen die überhaupt, ob die Achtsamkeitsintervention die richtige ist? Haben die vorher die Situation analysiert, zum Beispiel mit einer vollständigen Gefährdungsbeurteilung? Ganz nach Lewin: “Keine Maßnahme ohne Diagnose”? Sind die sicher, dass mit dem angewandten Gießkannenprinzip nicht das Geld zum Fenster hinaus geworfen wird?
  • Sind die Coaches weiterhin sicher, dass die Mitarbeiter bei einer solchen Intervention überhaupt mitziehen? Wollen die das? Werden die Mitarbeiter in die Maßnahmenplanung einbezogen? Ganz nach dem Prinzip der Organisationsentwicklung: “Betroffene zu Beteiligten machen”?

Damit wir uns nicht falsch verstehen. Ich lasse mich in meiner Begeisterung für MBSR nicht übertreffen. Aber in meiner Begeisterung für das Grundprinzip “Verhältnis- vor Verhaltensprävention” auch nicht.

Ein Gedanke zu „Achtsamkeit als Instrument der Verhaltensprävention

  1. Die Grundlage ist hier die Mahásatipatthána Sutta, “Die Grundlagen der Achtsamkeit”: http://www.palikanon.com/digha/d22.htm

    Diese Sutra ist knochentrocken und ziemlich unesoterisch. Die Ausdrucksweise, die die Verfasser solcher ihnen mündlich überlieferten Texte wählten, soll diese Texte nicht irgendwie “heilig” erscheinen lassen, sondern hat schlicht damit zu tun, dass vor 2000 Jahren nur wenige Leute lesen und schreiben konnten. Die Wiederholungen könnte man als eine Art akustische Bulletpoints verstehen, die als Merkhilfe dienen.

    Nietzsche könne die Sutra gekannt haben: «[…] Auch schickte Nietzsche seinen Zarathustra gleich vier Mal in die Stadt „Bunte Kuh“ und bezieht sich damit auf Buddha (bzw. was er von Buddha wusste), denn es war diese Stadt, in der Buddha eine seiner bekanntesten Reden hielt, die als Mahásatipatthána Sutta überliefert ist. Beispielsweise in „Von den Lehrstühlen der Tugend“ lässt Nietzsche seinen Zarathustra über Buddha (ohne ihn jedoch direkt zu benennen) sagen: „Seine Weisheit heißt: wachen, um gut zu schlafen.“ Hier ist die Mahásatipatthána Sutta selbst das Ziel des Spottes. Ihr Thema ist die Achtsamkeitsmeditation: Meditieren, um wachsam zu werden. In Umkehrung dieser Lehre vertauscht Zarathustra Methode und Übungsziel, ist aber dann doch nicht völlig ohne Sympathie für sie und fährt im gleichen Satz fort: „Und wahrlich, hätte das Leben keinen Sinn und müsste ich Unsinn wählen, so wäre auch mir dies der wählenswürdigste Unsinn.“ […]»
    Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Also_sprach_Zarathustra

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